Europäischer Defense-Tech-Boom 2024-2025: VC-Investitionen, ESG-Reframing und die Rolle von XPONENTIAL Europe 2026
Europa erlebt einen fundamentalen Wandel in Sicherheit, Technologie und Kapital. Im Jahr 2024 flossen über eine Milliarde US-Dollar in europäische Defense-Tech-Start-ups – ein Anstieg um das Fünffache gegenüber 2020. Bis zur Jahresmitte 2025 investierten Venture-Capital-Geber erneut fast eine Milliarde US-Dollar in Verteidigungs- und Dual-Use-Technologien, wobei der größte Teil dieser Mittel nach Deutschland floss. Der Boom wird von geopolitischen Spannungen, einer Neubewertung von ESG-Kriterien und der strategischen Positionierung der Messe XPONENTIAL Europe 2026 als Netzwerk- und Deal-Hub getragen.
Massiver Kapitalzufluss in europäische Defense-Tech-Start-ups
Die jüngsten Zahlen zeigen, dass das Interesse von Investoren an sicherheitsrelevanten Technologien exponentiell gewachsen ist.
- 2024: > 1 Milliarde USD VC-Investitionen in europäische Defense-Tech-Start-ups (5-mal mehr als 2020).
- H1 2025: fast 1 Milliarde USD in Verteidigungs- und Dual-Use-Technologien, laut Dealroom-Daten.
- Geografische Schwerpunkte: Deutschland als Hauptempfänger der Mittel.
- Größte Finanzierungsrunden: Helsing, Quantum Systems und Arx Robotics.
Diese Zahlen belegen, dass die Investitionen nicht spekulativ, sondern in bereits operative Marktlösungen fließen.
XPONENTIAL Europe 2026 als Katalysator für Innovation und Netzwerk
Die Leitmesse für autonome Systeme und Robotik integriert erstmals explizit Defense-Tech in ihr Portfolio. Sie findet vom 24. bis 26. März 2026 im Messezentrum Düsseldorf statt und schafft damit einen zentralen Treffpunkt für Investoren, Gründer, Militär und Industrie.
„Für die XPONENTIAL 2026 haben wir den Bereich Verteidigungstechnik in unser Portfolio aufgenommen. Das ist auch für viele Start-ups attraktiv, denen wir auf der Messe mit dem XPO+ Launcher eine eigene Start-up-Area einrichten“, erklärt Malte Seifert, Director der XPONENTIAL Europe.
Der XPO+ Launcher bietet Start-ups eine strukturierte Plattform, um ihre Technologien vor Fachpublikum, Medien und potenziellen Geldgebern zu präsentieren.
Sieben Schlüsselbereiche auf der XPONENTIAL Europe 2026
- Luft: Unbemannte Flugzeugsysteme (UAS)
- Land: Unbemannte Bodensysteme (UGV)
- Maritim: Autonome Unter- und Überwasserfahrzeuge
- Raumfahrt: LEO/MEO/GEO-Satelliten
- Mensch-Maschine-Interaktion (HMI): Wearables, Exoskelette
- Kooperative Autonomie: Vernetzte Systeme
- Hybride Plattformen: Kombination mehrerer Technologien
- Cyber-Sicherheit (ergänzend zu den sieben Domains)
Diese Systematik verdeutlicht die Breite europäischer Innovationsbemühungen und ordnet Investitionstrends klaren Anwendungsfeldern zu.
Helantic-Fonds: Strategische Investitionen für technologische Souveränität
Der Venture-Capital-Fonds Helantic, geleitet von Martin Buhl, stellt 100 Millionen Euro Wagniskapital bereit, um ungenutztes Innovationspotenzial für die europäische Verteidigungsindustrie zu heben.
- Investitionsschwerpunkte: Dual-Use-Technologien, Sensorik, Edge-AI, Raumfahrt-Infrastruktur, unbemannte Systeme.
- First Closing (2025): Spinncloud (Recheninfrastruktur für KI-Workloads), Fernride (autonome Logistik) und HyImpulse (Raumfahrttechnologie).
- Geografische Pipeline: Polen, Tschechien, baltische Staaten und Israel – Ziel: dezentrale, resiliente Wertschöpfungsketten.
Helantic demonstriert, wie das abstrakte Narrativ europäischer Souveränität in konkrete Investitionsentscheidungen übersetzt wird.
ESG-Paradigmenwechsel: Verteidigung als Nachhaltigkeitskomponente
Traditionell galten Verteidigungstechnologien als Hürde für ESG-Investitionen. Der aktuelle Wandel definiert Sicherheit als Grundvoraussetzung für Nachhaltigkeit.
- Verteidigung wird nicht mehr als Tabuthema, sondern als ESG-konformer Baustein gesehen.
- Dual-Use-Unternehmen profitieren doppelt: Zivile Märkte sichern frühe Umsätze, militärische Use-Cases ermöglichen Skalierung.
- Der Paradigmenwechsel senkt das Stigma, beschleunigt die Talentrekrutierung und verkürzt die Zeit vom Prototyp bis zur Einsatzreife.
Martin Buhl fasst zusammen: „Sicherheit ist eine Grundvoraussetzung für Nachhaltigkeit. Das ermöglicht frühzeitige VC-Investitionen und beschleunigt die Talentrekrutierung in Defence-Tech-Start-ups.“
Anzeige*Geopolitischer Kontext und reale Anwendungen: Das AARTOS-Drohnenerkennungssystem
Die Bedrohungslage durch unbemannte Systeme und Cyberangriffe hat die europäischen Sicherheitsstrategien stark beeinflusst. Ein konkretes Beispiel ist das AARTOS-System, das seit 2013 entwickelt wird.
- Weltweit über 600 installierte Systeme (Stand 2025).
- Schützt Flughäfen wie London Heathrow, Singapur und Oman sowie NATO-Territorien.
- Demonstriert, dass VC-Kapital in bereits operative, marktgereifte Lösungen fließt.
Die realen Sicherheitslücken und die bereits vorhandenen technologischen Gegenmaßnahmen verdeutlichen, dass der Investmentboom nicht rein spekulativ ist.
Diversifizierung der Investoren: Corporate VCs, ehemalige Militärs und Generalisten
Der Markt wird zunehmend von einer breiten Investorengemeinschaft getragen.
- Corporate VCs großer Rüstungsunternehmen (z. B. Rheinmetall, Hensoldt).
- Ehemalige Militär- und Sicherheitsprofis, die ihr Fachwissen in VC-Fonds einbringen.
- Generalistische Investoren, die als „Touristen“ den Boom nutzen, um Resilienz- und Diversifikationsziele zu verfolgen.
Diese Mischung signalisiert eine Institutionalisierung des Sektors und reduziert das Risiko-Stigma für Gründer.
Risiken und offene Fragen im Defense-Tech-Boom
Obwohl das Wachstum beeindruckend ist, gibt es strukturelle Risiken, die von Entscheidungsträgern beachtet werden müssen.
- Konzentration auf wenige Finanzierungsrunden: Die größten Deals konzentrieren sich auf Helsing, Quantum Systems und Arx Robotics, was zu Abhängigkeiten führen kann.
- ESG-Transparenz: Das Reframing von Verteidigung als Nachhaltigkeit kann Entscheidungen weniger transparent machen und ethische Einzelfallbewertungen erschweren.
- Geopolitische Volatilität: Der aktuelle Boom ist stark an die „Wake-up-Phase“ und an Bedrohungen wie Drohnenüberflüge gebunden – ein plötzliches De-eskalationsszenario könnte die Investitionslogik verändern.
- Talentrekrutierung und Brain-Drain: Die Attraktivität von Defense-Tech kann Fachkräfte aus zivilen Innovationsfeldern abziehen, was Opportunitätskosten für die gesamte Tech-Landschaft bedeutet.
- Marktdiversität vs. Oligopolisierung: Ohne ausreichende Diversifizierung droht eine Oligopolisierung, bei der wenige Player die europäische Verteidigungslandschaft dominieren.
Regulatoren und strategische Planer sollten diese Punkte in ihre Langzeit-Strategien einbeziehen.
Fazit
Der europäische Defense-Tech-Boom ist mehr als ein kurzfristiger Trend: Er verbindet massive VC-Kapazitäten, ein neues ESG-Denken und geopolitische Notwendigkeiten. Die XPONENTIAL Europe 2026 fungiert dabei als zentraler Katalysator, der Technologie, Kapital und Politik zusammenbringt. Gleichzeitig zeigen Initiativen wie der Helantic-Fonds, dass Investitionen gezielt zur Stärkung europäischer technischer Souveränität eingesetzt werden. Während die Chancen – von beschleunigter Skalierung bis zu erhöhter Resilienz – groß sind, dürfen die Begleitrisiken nicht vernachlässigt werden. Ein ausgewogenes Vorgehen, das Transparenz, Diversifizierung und ethische Bewertung in den Vordergrund stellt, wird entscheidend dafür sein, dass der Boom zu einer nachhaltigen Stärkung der europäischen Verteidigungsfähigkeit und Wirtschaft führt.

