Umsetzung statt Planung – Wie Europa 2026 seine Verteidigungsindustrie neu ausrichtet
Im Jahr 2025 wurden die Verteidigungsbudgets in Europa erhöht, neue Programme gestartet und Produktionskapazitäten wieder hochgefahren. 2026 steht die Branche jedoch vor einer anderen Aufgabe: Die operative Umsetzung von Investitionen in Produktion, Digitalisierung, Interoperabilität und Total Defence. Jens Stephan, Director Aerospace & Defence bei PTC, betont in einem Gastkommentar für Militär Aktuell, dass die Fähigkeit zur schnellen, digitalen und missionskritischen Bereitstellung von Systemen über die reine Budgeterhöhung hinaus entscheidet, ob Europa seine sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit bewahren kann.
Herausforderungen der europäischen Verteidigungsindustrie im Jahr 2026
Die wichtigsten Problemfelder lassen sich in fünf Kernbereiche bündeln, die im Folgenden genauer beleuchtet werden:
- Total Defence – Auflösung der Trennung zwischen zivilen und militärischen Sektoren.
- Intelligent Product Lifecycle – Digitale Rückverfolgbarkeit als Zulassungsstandard.
- Mission Readiness in Echtzeit – Proaktive Wartung und Verfügbarkeit.
- Agentic AI – Einsatzfähige, autonome Künstliche Intelligenz.
- Interoperabilität – Pflicht für NATO- und EU-Programme.
Fehlende Standards, fragmentierte Märkte und nationale Egoismen erschweren die Umsetzung. Aktuell liegt die EU-interne Beschaffung von Verteidigungsgütern bei weniger als 50 % (2025), obwohl das Ziel für 2030 bei mindestens 50 % liegt. Diese Lücke erhöht strategische Risiken, insbesondere bei Serienfertigung in Programmen wie FCAS und MGCS, wo proprietäre Systeme zum Ausschluss führen können.
Total Defence: Die gesamtgesellschaftliche Verteidigung
Der klassische Unterschied zwischen zivilen und militärischen Bereichen löst sich zunehmend auf. Total Defence bedeutet, dass die Verteidigung zur gesamtgesellschaftlichen Aufgabe wird. Länder wie Schweden und Finnland haben bereits abgestimmte Notfallpläne, redundante Infrastruktur und ein öffentliches Bewusstsein für Sicherheit etabliert. In Deutschland, Frankreich und anderen EU-Staaten beginnt dieser Wandel erst.
Für die Umsetzung ist eine gemeinsame digitale Grundlage nötig, die Echtzeit-Fähigkeit und Vertrauen in standardisierte Strukturen ermöglicht. Ohne diese digitale Basis helfen gute Absichten in einer fragmentierten Systemlandschaft nicht.
Intelligent Product Lifecycle – Digitale Rückverfolgbarkeit als Zulassungsstandard
Der Intelligent Product Lifecycle ersetzt isolierte Engineering-Tools und papierbasierte Prozesse. In Projekten wie FCAS oder MGCS müssen alle Beteiligten – vom OEM über Zulieferer bis zur Zulassungsbehörde – in Echtzeit auf dieselben Datensätze zugreifen können. Jede Softwarezeile, jedes Konfigurationselement und jede Änderung müssen manipulationssicher dokumentiert und auditierbar sein. Nur so lassen sich Systeme zertifizieren, aktualisieren und weiterentwickeln, ohne die Einsatzfähigkeit zu gefährden.
Wer diese Fähigkeit nicht besitzt, wird in internationalen Programmen zum Sicherheitsrisiko.
Mission Readiness in Echtzeit – Von reaktiver zu proaktiver Wartung
Moderne Verteidigung erfordert stets verfügbare Systeme. Ausfälle kosten im Ernstfall nicht nur Zeit, sondern strategische Optionen. Reaktive Wartung reicht nicht mehr aus. Integrierte Plattforms, die Zustand, Wartungshistorie und Einsatzfähigkeit digital abbilden, ermöglichen vorausschauende Wartungszyklen. Lösungen wie Service Lifecycle Management (SLM) oder Application Lifecycle Management (ALM) steuern Ersatzteile dynamisch und erkennen Risiken frühzeitig. Das Ergebnis: weniger Standzeiten, weniger Überraschungen und mehr Handlungsspielraum in kritischen Momenten.
Anzeige*Agentic AI – Künstliche Intelligenz wird einsatzfähig
Unter dem Schlagwort „Agentic AI“ entstehen Systeme, die Daten analysieren, Entscheidungen treffen und autonom handeln können. Im Gegensatz zu regelbasierten Systemen passen sich KI-Agenten kontextabhängig an. Diese Technologie bietet neue Qualität der Entscheidungsunterstützung, besonders in dynamischen, unvorhersehbaren Einsatzszenarien. Der Schlüssel liegt in der Verknüpfung mit bestehenden Engineering- und Zertifizierungssystemen, damit KI-Systeme nachvollziehbar und sicher agieren.
„Wer 2026 nicht interoperabel ist, verliert den Zugang zu Ausschreibungen oder fällt bei der Systemintegration durch.“ – Aussage aus dem Gastkommentar.
Interoperabilität – Pflicht für NATO- und EU-Programme
In einer vernetzten Verteidigungswelt ist Interoperabilität Grundvoraussetzung. NATO-Programme, multinationale Kooperationen und EU-weite Plattformen verlangen standardisierte Datenstrukturen, kompatible Architekturen und verbindliche Schnittstellen. Proprietäre Systeme können Zulieferer von Ausschreibungen disqualifizieren. Besonders mittelständische Zulieferer müssen in offene Plattformen investieren, um zukunftsfähig zu bleiben. Gleichzeitig sind OEMs gefordert, diese Partner systemisch einzubinden, anstatt durch überkomplexe Anforderungen auszuschließen.
EU-Förderinstrumente zur Beschleunigung der Umsetzung
Die Europäische Union hat mehrere Programme gestartet, um Tempo und Kooperation zu erhöhen:
- EDIP (European Defence Industry Programme) – seit Ende 2025 aktiv, mit einer Finanzierung von 1,5 Mrd. € (2025). Ziel ist der Ausbau von Produktionskapazitäten und die gemeinsame Beschaffung, um Fähigkeitslücken bis 2030 zu schließen (Lead-Nation-Ansatz).
- SAFE – finanziert die Schließung von Fähigkeitslücken über einen Lead-Nation-Ansatz, unterstützt die Umsetzung von Produktionsausbau und stärkt paneuropäische Wertschöpfungsketten.
- EIB-Kredite – die Europäische Investitionsbank erweitert bis 2027 Kredite für Verteidigungsprojekte auf 8 Mrd. €, inklusive Kasernen, Produktion und Infrastruktur, um resiliente Lieferketten zu fördern.
Diese Instrumente adressieren bürokratische Hürden, nationale Egoismen und die Fragmentierung des Binnenmarktes. Trotz dieser Fortschritte bleibt die EU-interne Beschaffung von Verteidigungsgütern unter 50 % (2025). Das Ziel, bis 2030 mindestens 50 % europäische Produktion zu erreichen, erfordert automatisierte Anerkennung von Zertifizierungen, ähnlich wie im zivilen Sektor (CDU/CSU 2025).
Fazit
Es reicht nicht mehr, Programme anzukündigen oder Budgets aufzubessern. Die entscheidende Phase 2026 verlangt operative Umsetzung: schneller verfügbare, interoperabel integrierbare und digital durchgängig steuerbare Systeme. Investitionen müssen in nachvollziehbare Prozesse, gemeinsame Standards und belastbare digitale Infrastrukturen fließen. Nur so kann Europa seine sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit bewahren und die Risiken durch fragmentierte Märkte, proprietäre Systeme und Abhängigkeit von außereuropäischen Lieferanten minimieren.

