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European Combat Vessel (ECV): Europas neue modulare Kriegsschiffsfamilie

European Combat Vessel (ECV): Europas neue modulare Kriegsschiffsfamilie

23. Januar 2026 von Anna Schröder

Die European Combat Vessel (ECV) ist ein gemeinsames europäisches Projekt, das eine modulare Familie von Kriegsschiffen entwickeln will, die ab 2035 einsatzbereit sein soll. Das Vorhaben steht im Zeichen einer strategischen Unabhängigkeit Europas im maritimen Bereich und soll die europäische Rüstungsindustrie sowie die NATO-Interoperabilität nachhaltig stärken. Sieben EU-Mitgliedstaaten haben bereits am 19. November 2024 einen Letter of Intent unterzeichnet, während Deutschland als Beobachter am Prozess teilnimmt.

Geopolitischer Kontext und strategische Motivation

Der Ausbruch des Krieges in der Ukraine und die Unsicherheit über die langfristige US-Militärunterstützung haben die EU dazu veranlasst, die eigene Verteidigungs- und Marinen-Souveränität zu stärken. Jürgen Scraback, Leiter der maritimen Abteilung der European Defence Agency (EDA), betonte, dass die europäischen Marinen mindestens 30 neue Kampfschiffe benötigen, um den zukünftigen sicherheitspolitischen Herausforderungen zu begegnen. Das ECV-Projekt soll als koordinierte europäische Alternative zu fragmentierten nationalen Schiffsbauprogrammen dienen.

Projektstruktur und beteiligte Partner

  • Unterzeichner des Letter of Intent (7 Staaten): Spanien (Koordinator), Portugal, Italien, Belgien, die Niederlande, Zypern und Griechenland.
  • Deutschland: Kein Unterzeichner, aber Beobachter vom Verteidigungsministerium und der Marine.
  • Koordinator Spanien prüft 2025 die Umwandlung des Projekts in ein PESCO-Projekt, um zusätzliche EU-Finanzierung zu ermöglichen und die politische Bindung zu vertiefen.

Technisches Konzept und modulare Architektur

Das Kernprinzip des ECV ist der „from systems to hull“-Ansatz: Statt den Rumpf in den Mittelpunkt zu stellen, wird ein offenes, modulares Systemdesign verwendet, das nationale Unterschiede zulässt. Die Schiffsfamilie umfasst drei Größenklassen von etwa 1.500 bis 8.000 Tonnen, die unterschiedliche Rollen – von Küstenverteidigung über regionale Kampfoperationen bis hin zu Führungs- und Luftverteidigung – abdecken können.

Zur Umsetzung des modularen Konzepts hat die EDA sechs Arbeitsgruppen definiert, in denen Unternehmen ihre Ideen einbringen können:

  • Arbeitsgruppe Navigation: Stabilität, Manövrierfähigkeit, Tiefgang, Reichweite, Unterbringung.
  • Arbeitsgruppe Kampfsystem: Sensoren, Kampf-Management, taktische Datenverbindungen, Effektoren.
  • Arbeitsgruppe Luftfahrtfähigkeit: Flugbetrieb, Flugdeck, Hangar, UAS-Fähigkeit.
  • Arbeitsgruppe Kommunikations- und Informationssysteme: C5ISRT, Satelliten- und Funkverbindungen.
  • Arbeitsgruppe Rumpfkonstruktion: Kiel-Design, Katamaran/Trimaran-Optionen, disruptive Materialien.
  • Arbeitsgruppe Sonstiges: Cyber-Resilienz, kleine Boote, Spezialeinsätze, CBRN-Schutz, medizinische Einrichtungen, Modularität.

Entwicklungsroadmap und zentrale Meilensteine

Die Zeitplanung des Projekts sieht folgende Schlüsselereignisse vor:

  • Ende Januar 2026: Call for Papers – Unternehmen aus allen EU-Ländern können sich für die Arbeitsgruppen bewerben.
  • Mai 2026: Industrie-Workshop – Detaillierte Diskussion der Anforderungen mit Industriepartnern.
  • Dezember 2027: Fertigstellung des Business Cases – Grundlage für die Prototyping-Phase.
  • 2028-2035: Prototyping-Phase – Entwicklung und Erprobung von Demonstratoren.
  • 2035: Initial Operating Capability (IOC) – Erstes einsatzfähiges ECV-Schiff, deutlich früher als ursprünglich für die 2040er-Jahre geplant.

Die Beschleunigung der Roadmap wurde durch den Druck einiger ECV-Nationen ausgelöst, birgt jedoch das Risiko technischer Reifeprobleme und möglicher Budgetkonflikte.

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Finanzierung und industrielle Beteiligung

  • Entwicklungsbudget: ca. 20 Milliarden Euro (Stand 2024).
  • Industriepartner: Die niederländische NVL positioniert sich als führender Systemintegrator und arbeitet im Rahmen der europäischen Vereinigung SEA Naval an Technologieanalysen und dem Business Case.
  • NVL nutzt Produktionskapazitäten für französische Partner (Cherbourg) und Zollschiffe, was die flexible Zusammenarbeit innerhalb der europäischen Schiffbauindustrie verdeutlicht.

Konkurrenz und Ressourcenbalance zu anderen EU-Rüstungsprojekten

Das ECV steht im Wettbewerb um Budget und Aufmerksamkeit mit weiteren Großprojekten der EU:

  • FCAS (Future Combat Air System) – etwa 20 Mrd. Euro, Ziel: 2040er-Jahre.
  • MGCS (Main Ground Combat System) – binationales französisch-deutsches Projekt.
  • MARTE (Main Armoured Tank of Europe) – 20 Mio. Euro, von der EDF gefördert.

Alle Programme streben ebenfalls eine Einsatzreife in den 2040er-Jahren an, wodurch das ECV-Projekt um Ressourcen konkurrieren kann, gleichzeitig aber Synergien bei Interoperabilität und gemeinsamen Technologiebasen bietet.

Deutschlands Rolle und strategische Optionen

Deutschland hat den Letter of Intent nicht unterschrieben, entsendet jedoch Beobachter aus dem Verteidigungsministerium und der Marine. Die deutsche Industrie kann sich ab Ende Januar 2026 über den Call for Papers für die Arbeitsgruppen bewerben, was ein latentes Interesse signalisiert. Beobachter-Status wird als Möglichkeit gesehen, alle Optionen offen zu halten, insbesondere im Kontext der parallelen Priorisierung von FCAS und MGCS.

Perspektiven, Chancen und Risiken

  • Chancen: Kostensenkung durch gemeinsame Entwicklung, verbesserte NATO-Interoperabilität, Stärkung der europäischen maritimen Wertschöpfungsketten.
  • Risiken: Technische Risiken durch beschleunigte IOC, mögliche Schnittstellenprobleme bei der Modularität, begrenzte kritische Masse (nur 7 Unterzeichner, kein Frankreich/Italien) und Konkurrenz um Finanzmittel mit FCAS, MGCS und MARTE.

Fazit

Die European Combat Vessel stellt einen ambitionierten Versuch dar, Europas maritime Verteidigungsfähigkeit zu bündeln und unabhängiger von externen Lieferanten zu machen. Mit einem Budget von rund 20 Milliarden Euro, einer klar definierten modularen Architektur und einer beschleunigten Roadmap bis 2035 soll das Projekt nicht nur die Kosten für einzelne Nationalprogramme reduzieren, sondern auch die Interoperabilität innerhalb der EU und mit der NATO erhöhen. Trotz des Engagements von sieben Mitgliedstaaten und einer aktiven europäischen Industrie bleibt die kritische Frage, ob die begrenzte Partnerbasis und die gleichzeitige Konkurrenz zu anderen Großprojekten die langfristige Durchführbarkeit gefährden. Deutschlands Beobachter-Status und mögliche spätere industrielle Beteiligung könnten das Projekt weiter stärken – vorausgesetzt, die technischen Standards werden klar definiert und die beschleunigte Zeitplanung bewältigt wird.

Anna Schröder

Anna Schröder ist erfahrene Journalistin mit einem Hintergrund in Sicherheits- und Verteidigungspolitik. Sie analysiert für Defence-Tech.de politische Entscheidungen, Haushaltsentwicklungen sowie strategische Planungsprozesse westlicher Streitkräfte. Schröder hat mehrere Studien zu Verteidigungsbudgets und multinationaler Kooperation veröffentlicht und verknüpft politische Dynamiken mit technologischen Implikationen. Ihre Texte sind geprägt von klarer Struktur, fundierten Quellen und tiefem Verständnis geopolitischer Zusammenhänge.

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