Northrop Grumman liefert Solid-Fuel Ramjet für US-Army Reichweite
Northrop Grumman hat im Rahmen eines 18,8-Millionen-Dollar-Vertrags der US-Army ein Feststoff-Staustrahltriebwerk (Solid-Fuel Ramjet, SFRJ) für das eXtended Range Counter-Unmanned Aircraft System (XRC) entwickelt. Das neue Triebwerk nutzt atmosphärischen Sauerstoff, wodurch mehr Festtreibstoff untergebracht werden kann und die Reichweite der Abfangraketen deutlich steigt – ein entscheidender Schritt gegen weit entfernte oder hochmanövrierfähige Drohnenschwärme.
Solid-Fuel Ramjet: Funktionsprinzip und Vorteile
Im Gegensatz zu herkömmlichen Feststoffraketenmotoren (SRM), die nach einem kurzen Boost-Abbrand in den energiearmen Gleitflug übergehen, verbrennt das SFRJ über die gesamte Marschphase hinweg gleichmäßig. Durch das Ansaugen von Umgebungsluft wird kein Oxidator mehr im Rumpf mitgeführt, sodass das Volumen für zusätzlichen Festtreibstoff genutzt werden kann. Diese Bauweise erhöht sowohl die Reichweite als auch die kinetische Energie im Endanflug, was besonders bei der Abwehr von schnell manövrierenden Drohnen und Marschflugkörpern von Nutzen ist.
„Der rasante Anstieg unbemannter Luftbedrohungen erfordert innovative Lösungen“, sagte Erik Buice, Vice President of Missile Products bei Northrop Grumman. „Durch die Kombination der Vision der Army für die nächste Generation der Luftverteidigung mit unserer Antriebsexpertise liefern wir eine Fähigkeit, die Ziele weiter entfernt trifft, mobile Kräfte schützt und die geschichtete Verteidigung stärkt.“
Vertrag und Entwicklungsstandort
Der Entwicklungs- und Testvertrag über 18,8 Millionen US-Dollar wurde 2026 vom U.S. Army DEVCOM Aviation & Missile Center vergeben. Die Arbeiten finden im Allegany Ballistics Laboratory (ABL) in West Virginia statt, einem Standort, der bereits Erfahrung mit fortschrittlichen Antriebssystemen besitzt. Dort wird das SFRJ sowohl bodengeprüft als auch fluggetestet, um die Fertigungsprozesse für eine skalierbare, kostengünstige Serienproduktion zu validieren.
Kompatibilität mit SVUL und Stryker-M-SHORAD
Der im XRC-Programm programmierte Lenkflugkörper ist mechanisch und elektrisch so ausgelegt, dass er in den Stinger Vehicle Universal Launcher (SVUL) passt. Dieser Werfer ist bereits auf den gepanzerten Stryker-Fahrzeugen des Maneuver Short-Range Air Defense (M-SHORAD) Systems der US-Armee installiert. Durch diese direkte Integration können Front-Einheiten die neuen Ramjet-Raketen abfeuern, ohne neue Startvorrichtungen anschaffen zu müssen.
„Der operative Mehrwert liegt in der Kompatibilität mit bereits eingeführten Trägersystemen“, betont ein Sprecher von Northrop Grumman. „Einfaches Nachrüsten ermöglicht es den Einheiten, ihre Reichweite gegen tieffliegende Bedrohungen sofort zu erweitern.“
Kinetischer Vorteil und vergrößerte No-Escape-Zone
Herkömmliche Feststoffraketen verlieren nach dem Boost-Abbrand ihre Antriebskraft und nähern sich entfernten Zielen im energiearmen Gleitflug. Das SFRJ dagegen behält bis zum Ziel eine hohe Geschwindigkeit bei, weil es während der gesamten Flugphase Luft ansaugt und verbrennt. Dieser kontinuierliche Schub sorgt für enorme kinetische Reserven im Zielanflug, wodurch selbst stark manövrierende Drohnenschwärme zuverlässig abgefangen werden können.
Ein früherer Demonstrator, das XM1155 ERAP Ramjet-Programm, erreichte bereits Reichweiten von über 100 km im Jahr 2020. Das zeigt, dass das Feststoff-Staustrahlkonzept die physikalischen Grenzen herkömmlicher Kurzstreckenraketen überschreiten kann.
Anzeige*
Integration in das FAAD C2-System
Die neuen XRC-Abfangflugkörper werden nicht isoliert eingesetzt, sondern in das von Northrop Grumman bereitgestellte Forward Area Air Defense Command and Control (FAAD C2) eingebunden. Dieses System fusioniert Radardaten, steuert den Waffeneinsatz im Verbund mit Kanonensystemen und unterstützt die elektronische Kampfführung. Damit wird das Ramjet-Projekt in die mehrschichtige Luftverteidigungsarchitektur der US-Streitkräfte eingebettet.
Herausforderungen und Kostenaspekte
Ein technisches Hindernis besteht in der Notwendigkeit einer Vorbeschleunigung: Staustrahltriebwerke benötigen Überschallgeschwindigkeit (ca. Mach 1,5-2), weil sie keinen mechanischen Verdichter besitzen. Deshalb muss jeder Flugkörper einen integrierten Raketenbooster besitzen, was die Zündsequenz komplexer macht.
Gleichzeitig sind die hochentwickelten Ramjet-Lenkflugkörper teurer als kommerzielle FPV- oder Angriffsdrohnen. Die US-Army muss den Einsatz dieser teureren Systeme mit kostengünstigeren Rohrwaffen und gerichteten Energiesystemen abwägen, um eine wirtschaftliche Abwehrstrategie zu gewährleisten.
Schnellüberblick:
Wie unterscheidet sich ein Solid-Fuel Ramjet von einer gewöhnlichen Flugabwehrrakete?
Klassische Raketen tragen sowohl Brennstoff als auch Oxidator im Rumpf, was Platz und Gewicht beansprucht. Ein Solid-Fuel Ramjet saugt während des Überschallflugs atmosphärischen Sauerstoff an; der gewonnene Raum wird für zusätzlichen Festtreibstoff genutzt, wodurch Reichweite und Bewegungsenergie vervielfacht werden.
Welche Fahrzeuge werden die neuen Ramjet-Raketen nutzen?
Der Flugkörper ist so dimensioniert, dass er in den Stinger Vehicle Universal Launcher (SVUL) passt und damit direkt von den gepanzerten Stryker-Fahrzeugen des M-SHORAD-Systems der US-Armee abgefeuert werden kann.
