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Rheinmetall eröffnet Fertigung in Telford – Großkaliberrohre

Rheinmetall hat die neue UK Gun Hall in Telford eröffnet und damit die eigenständige Fertigung von 120-mm- und 155-mm-Geschützrohren im Vereinigten Königreich nach rund 20 Jahren Unterbrechung wieder aufgenommen.

3 Min. Lesezeit

Spitzenfertigungskapazität Geschützrohre245 Stück pro JahrSpitzenfertigungskapazität Verschlüsse50 Stück pro JahrProduktionsfläche11 500 QuadratmeterBeschäftigte am Standort Telford685 PersonenFünfjährige Gesamtinvestition200 Millionen GBP

Historischer Kontext: Verlust und Reindustrialisierung der britischen Rohrfertigung

In den frühen 2000er-Jahren schloss BAE Systems die traditionsreichen Royal-Ordnance-Werke in Nottingham und Barrow-in-Furness. Damit endete die eigenständige Großkaliber-Rohrfertigung im Vereinigten Königreich. Über zwanzig Jahre lang war das Land vollständig von ausländischen Lieferungen abhängig. Der Schritt, die UK Gun Hall zu eröffnen, beendet diese strategische Verwundbarkeit und signalisiert die Rückkehr industrieller Kernkompetenzen.

Verbindung zu konkreten Beschaffungsprogrammen: Challenger 3 und RCH 155

Die in Telford produzierten 120-mm-Glattrohrkanonen (L55A1) ersetzen die veraltete L30A1-Kanone des Challenger 2 und modernisieren die Panzerflotte auf NATO-Standardmunition. Das geplante Bestellvolumen für Challenger 3-Upgrades beträgt 148 Fahrzeuge (2024). Parallel dazu werden 155-mm-L52-Waffensysteme für das Artillerieprogramm “Mobile Fires Platform” (MFP) gefertigt, wobei das radbasierte System RCH 155 auf Boxer-Basis zum Einsatz kommen soll.

Das Trinity-House-Abkommen – politischer und wirtschaftlicher Rahmen

Im Oktober 2024 unterzeichneten London und Berlin das Trinity-House-Abkommen. Es sieht über zehn Jahre Investitionen von rund 400 Millionen Pfund sowie hunderte indirekte Arbeitsplätze vor. Ziel ist eine vertiefte deutsch-britische Verteidigungskooperation und die Sicherstellung einer gemeinsamen Lieferkette für Großkaliberwaffen.

Produktionskapazität und Standortdetails

Auf einer Fläche von 11 500 m² kann die Anlage bei voller Auslastung jährlich bis zu 245 Geschützrohre sowie mehr als 50 Verschlüsse fertigen. Derzeit beschäftigt das Werk 685 Mitarbeitende, davon 35 in der eigentlichen “Gun Hall”. Die langfristige Materialversorgung soll über den britischen Spezialstahlerzeuger Sheffield Forgemasters erfolgen, sobald dessen Hochleistungs-Stahl die militärischen Qualifikationsverfahren durchläuft.

Arbeitsplatzschaffung – bis zu 100 neue Arbeitsplätze

Die Fertigung soll bis zu 100 hochqualifizierte Arbeitsplätze sichern und damit das industrielle Wachstum in der Region fördern.

“Großbritannien stellt wieder die Waffen her, die unsere Streitkräfte benötigen, um die Nation gegen unsere Gegner zu verteidigen. Von einem leeren Gelände zur vollen Produktion in acht Monaten – das ist schnelle Reindustrialisierung in der Praxis.”

Wes Streeting, Verteidigungsminister, Vereinigtes Königreich

“Die heutige Eröffnung ist ein wichtiger Meilenstein für Rheinmetall und das Vereinigte Königreich. In bemerkenswert kurzer Zeit haben wir unser Engagement in eine eigenständige Fertigungskapazität umgesetzt, die die britische Verteidigungsindustrie auf Jahrzehnte stärken wird.”

Armin Papperger, Vorstandsvorsitzender, Rheinmetall AG

“Die offizielle Eröffnung unserer britischen Gun Hall ist ein Meilenstein für Rheinmetall UK und für die britische Verteidigungsindustrie. Durch den Transfer von Fachwissen aus Deutschland und die Ausbildung hochqualifizierter britischer Arbeitskräfte schaffen wir qualifizierte Arbeitsplätze, unterstützen britische Unternehmen und bauen die industriellen Kapazitäten auf.”

Rebecca Richards, Geschäftsführerin, Rheinmetall UK

Risiken und Gegenargumente

  • Abhängigkeit von der Zertifizierung heimischer Rohstahl-ZuliefererDie vollständige Autarkie ist erst erreicht, wenn Sheffield Forgemasters die strengen metallurgischen Qualifikationsverfahren für Rheinmetalls Waffenrohre erfolgreich abschließt. Bis dahin bleibt eine Importabhängigkeit bei Rohlingen bestehen.
  • Diskrepanz zwischen politischem Reindustrialisierungs-Narrativ und realer ArbeitsplatzanzahlAnalysen warnen, dass lediglich 35 bis maximal 100 direkte Fertigungsarbeitsplätze geschaffen werden. Die stark automatisierte Produktion könnte daher keine breit angelegte industrielle Trendwende auslösen.

Schnellüberblick

Welche konkreten Waffensysteme erhalten die in Telford hergestellten Rohre?

Gefertigt werden 120-mm-Glattrohrkanonen (L55A1) für das Challenger 3-Programm sowie 155-mm-L52-Waffensysteme für das Radartilleriesystem RCH 155 auf Boxer-Basis.

Warum fertigte Großbritannien 20 Jahre lang keine eigenen Panzer- und Artillerierohre?

Nach dem Kalten Krieg führten Rationalisierungen und Werksschließungen bei Royal Ordnance bzw. BAE Systems dazu, dass Spezialmaschinen aufgegeben wurden. Das Militär beschaffte Ersatzteile und Geschütze fortan günstiger auf dem internationalen Markt.

Welche Rolle spielt das Werk für die Unterstützung der Ukraine?

Der intensive Rohrverschleiß im Ukraine-Krieg hat westliche 155-mm-Bestände stark reduziert. Die neue Fertigungskapazität in Telford erhöht die Gesamt-Resilienz und Nachschubsicherheit innerhalb des NATO-Bündnisses.

Quellen · 2

Stand: 25.10.2026
  1. rheinmetall.com en/media/news-watch/news/2026/10/2026-10-22-rheinmetall-opens-the-uk-gun-hall-in-telford
  2. theguardian.com world/2026/oct/23/telford-gun-hall-tank-barrel-production-uk
Dr. Lena Hoffmann

Dr. Lena Hoffmann ist seit über einem Jahrzehnt spezialisierte Journalistin im Bereich Verteidigungs- und Sicherheitstechnologie. Sie verfügt über einen Doktortitel in Internationalen Sicherheitsstudien und war zuvor Redakteurin für strategische Technologieanalysen in führenden Fachmedien. Dr. Hoffmann berichtet bei Defence-Tech.de über technologische Innovationen, strategische Programme in NATO- und EU-Kontext sowie über ethische Fragestellungen bei der Integration neuer Systeme in moderne Streitkräfte. Ihre Artikel zeichnen sich durch präzise Recherche, faktenbasierte Analyse und globale Perspektiven aus.

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