US Marine Corps rüstet AH-1Z Viper mit L3Harris Red Wolf Langstrecken-Präzisionslenkflugkörpern bis 2027 aus
Die U.S. Marine Corps hat einen bedeutenden Schritt in ihrer Luftkampfdoktrin gemacht: Bis Ende des Fiskaljahres 2027 sollen die AH-1Z Viper-Hubschrauber mit den neu entwickelten Red-Wolf-Langstrecken-Präzisionslenkflugkörpern von L3Harris ausgestattet werden. Vertrag, der über 80 Millionen US-Dollar umfasst, eröffnet den Hubschraubern die Möglichkeit, maritime Ziele aus mehr als 200 Seemeilen Entfernung zu bekämpfen – ein quantitativer Sprung gegenüber den bislang eingesetzten Hellfire- und JAGM-Systemen.
Vertragliche Grundlagen und OTA-Mechanismus
Der Auftrag wurde im Rahmen eines Other Transaction Agreement (OTA) vergeben, einem speziellen US-Regierungsmechanismus, der Forschung, Entwicklung und Prototyping beschleunigt. Zwei offizielle Quellen nennen unterschiedliche Summen: Das Naval Air Systems Command (NAVAIR) meldete eine Vertragssumme von 82,2 Millionen $ (Ankündigung vom 30. Januar 2026), während Defense News von 86,2 Millionen $ spricht. Diese Diskrepanz verdeutlicht die Komplexität der Kostenstruktur, ist jedoch für die strategische Dringlichkeit des Projekts unerheblich.
„Recent conflicts and incursions over NATO airspace, particularly with the increased use of mass-produced drones, demonstrates the urgent need for cost-effective alternatives to exquisite munitions,“ sagte Christopher Kubasik, Chairman und CEO von L3Harris.
Reichweitenvergleich: Red Wolf versus bestehende Lenkflugkörper
Die Red-Wolf-Missile setzen neue Maßstäbe:
- Red Wolf: >200 Seemeilen (ca. 370 km), Endurance >60 Minuten
- AGM-114R-4 Hellfire (Extended-Range): ca. 21 Seemeilen (34 km)
- Joint Air-to-Ground Missile (JAGM) Medium Range: ca. 10 Seemeilen (16 km)
Damit übertrifft die Red Wolf die aktuelle Marine-Hubschrauber-Bewaffnung um ein Vielfaches und eröffnet völlig neue Einsatzszenarien, insbesondere im Indo-Pazifik, wo lange Reichweiten entscheidend sind.
Einsatzspektrum: Kinetische und nichtkinetische Missionen
Laut L3Harris können die Red-Wolf-Systeme nicht nur direkte Zerstörung (kinetisch) ausführen, sondern auch:
- Kommunikationsrelais
- Signalerkennung (SIGINT)
- Elektronische Angriffe (EW)
- Täuschungsoperationen (Decoy)
Die Nutzlast beträgt bis zu 25 Pfund (11,4 kg) und ermöglicht flexible Missionen, die über klassische Stoßkraft hinausgehen.
Produktionskapazität und Kosteneffizienz
Die Red-Wolf-Missile werden mit einer Stückkosten-Schätzung von etwa 300.000 $ pro Einheit produziert. Die geplante Jahresproduktionskapazität liegt bei rund 1.000 Stück, was das System zu einer erschwinglichen Alternative zu teureren Langstrecken-Seezielflugkörpern wie dem LRASM macht.
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Testflug-Bilanz und Demonstrationen 2025-2026
Vor der formellen Auswahl führte L3Harris 52 Testflüge durch, darunter Tiefflug-Schüsse von AH-1Z-Helikoptern. Im September 2025 gelang ein erfolgreiches Seeziel-Engagement im Rahmen der Marine Corps Long-Range Attack Missile (LRAM) Capability Demonstration. Diese Historie reduziert das technische Risiko erheblich und belegt die Einsatzreife des Systems.
Bestände der AH-1Z Viper und Skalierungspotenzial
Nach Angaben von Cirium Aviation Analytics stehen der US-Marine Corps 187 aktive AH-1Z Viper-Hubschrauber zur Verfügung (Stand 2026). Selbst wenn nicht jedes Fluggerät sofort ausgerüstet wird, ermöglicht die Kombination aus 187 Plattformen und einer potenziellen Bestückung von mehreren Red-Wolf-Missilen pro Hubschrauber ein erhebliches Gesamtpotenzial.
Risiken und Gegenargumente
- Unbekannte Gesamtbestellmenge: L3Harris und NAVAIR haben die geplante Stückzahl nicht öffentlich gemacht, was die Abschätzung der Flottenausstattung erschwert.
- Vertragssummendiskrepanz: Unterschiedliche Angaben von 82,2 Mio. $ und 86,2 Mio. $ können auf unterschiedliche Leistungsumfang-Definitionen hindeuten.
- Lieferfristen-Risiko: Rüstungsprojekte erfahren häufig Verzögerungen; die angestrebte Fertigstellung bis Ende FY 2027 bleibt ambitioniert.
- Begrenzte Hubschrauber-Flotte: Mit nur 187 AH-1Z-Einheiten ist die maximale Trägerbasis klein; Schwarm-Einsätze erfordern koordinierte Multi-Hubschrauber-Operationen.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Was ist der Wolf Pack und welche Unterschiede gibt es zwischen Red Wolf und Green Wolf?
Der Wolf Pack ist L3Harris‘ Portfolio von „launched effects“ (Flugkörpern). Red Wolf ist für kinetische Schläge (direkte Zerstörung) optimiert, während Green Wolf elektronische Kriegsführung (EW) durchführt. Beide sollen autonom bis zu 200 Seemeilen Reichweite besitzen (Ballinger Fletcher 2026; L3Harris).
Warum gilt die Red Wolf als „kosteneffektiv“ im Vergleich zu anderen Langstreckenwaffen?
Mit geschätzten 300.000 $ pro Einheit und einer Jahreskapazität von etwa 1.000 Stück ist die Red Wolf deutlich günstiger als klassische Anti-Schiff-Lenkflugkörper wie LRASM oder JSM, bietet jedoch vergleichbare Reichweiten. Das unterstützt die Debatte über „affordable mass“ versus „exquisite munitions“ (L3Harris/NAVAIR 2026).
Wie wird sichergestellt, dass die Red Wolf 2027 einsatzbereit ist?
Der OTA-Vertrag beschleunigt die Beschaffungsprozesse. 52 bereits durchgeführte Testflüge und ein erfolgreiches Seeziel-Engagement 2025 reduzieren das technische Risiko. Die Lieferfrist läuft bis Ende des Fiskaljahres 2027 (NAVAIR/L3Harris 2026).
Welche taktischen Vorteile bringt eine 200 + Seemeilen Reichweite für Hubschrauber?
Hubschrauber können nun aus sicherer Entfernung agieren, Ziele über den Horizont hinweg bekämpfen und bei maritimen Operationen im Indo-Pazifik flexibler eingesetzt werden – ohne in den Bereich bestehender Luftabwehr einzudringen (NAVAIR/L3Harris 2026).
Fazit
Der Red-Wolf-Vertrag markiert einen strategischen Sprung für die U.S. Marine Corps. Durch die Kombination aus außergewöhnlicher Reichweite, autonomer Schwarmfähigkeit, vielseitigen nicht-kinetischen Missionen und einer kostengünstigen Produktionsstruktur wird die AH-1Z Viper zu einer Plattform, die weit über ihre bisherigen Grenzen hinaus operieren kann. Trotz offener Fragen zu Bestellmenge und Liefertermin bleibt das Projekt ein zentraler Baustein der Indo-Pazifik-Strategie und ein Beispiel dafür, wie moderne Beschaffungsmechanismen (OTA) die schnelle Einführung kritischer Technologien ermöglichen.
