Venom – Das autonome Kampfflugzeug als Beweis für digitale Fertigung und schnelle Beschaffung
Im Februar 2026 präsentierten die US-Firmen Divergent Technologies und Mach Industries den Prototypen des autonomen Kampfflugzeugs Venom – ein Projekt, das in nur 71 Tagen von der Konzeptphase bis zur Flugbereitschaft gelangte. Durch digitale Konstruktion, monolithische 3D-Drucke und eine parallele Entwicklung von Hardware und Software demonstriert Venom einen potenziellen Paradigmenwechsel in der Rüstungsbeschaffung. Der Fokus liegt dabei weniger auf den technischen Leistungsdaten des Flugzeugs, sondern auf dem neuartigen Fertigungs- und Entwicklungsmodell, das schnelle Reaktionsfähigkeit und Skalierbarkeit für zukünftige Verteidigungsmissionen ermöglichen soll.
71 Tage von Konzept bis Flugbereitschaft – ein Rekord in der Rüstungsindustrie
Die Entwicklungszeit von 71 Tagen (Quelle S1) ist im Vergleich zu traditionellen US-Verteidigungsprogrammen außergewöhnlich kurz. Während Programme wie das F-35 rund 20 Jahre und der KC-46 etwa 15 Jahre für die vollständige Entwicklung benötigen, handelt es sich bei Venom um einen Demonstrator-Prototyp, der nicht die umfangreichen Tests, Zertifizierungen und Produktionsreife erreichen muss, die operative Systeme erfordern. Diese Kontextualisierung verdeutlicht, dass die 71-Tage-Zahl zwar beeindruckend, aber nicht mit der vollständigen Feldtauglichkeit vergleichbar sind.
Parallele Hardware- und Softwareentwicklung als Schlüssel zum Erfolg
Ein zentrales Element des Projekts war die gleichzeitige Entwicklung von Hardware und Software. Mach Industries setzte ein gemeinsames Simulations- und Kontrollframework ein, das Hardwaretests und Softwarevalidierung simultan ermöglichte – ein Bruch mit dem herkömmlichen sequenziellen Ansatz, bei dem ein Design-Freeze vor der Fertigung erfolgt. Durch die Nutzung bereits flugerprobter Avionik und Steuerungssysteme konnten Risiken reduziert und Iterationen beschleunigt werden. Wie Mach Industries erklärte, wurde das Projekt mit einer „Modular Open Systems Architecture (MOSA)“ umgesetzt, die den Austausch von Komponenten ohne komplettes Redesign erlaubt (Quelle S4).
Adaptive Production System (DAPST) – Monolithische 3D-Drucke statt Montage
Der digitale Fertigungsansatz von Divergent Technologies, das Adaptive Production System (DAPST), ermöglichte die Produktion großer Flugzeugsektionen als einteiliges Aluminium-Druckobjekt. Im Gegensatz zum konventionellen Flugzeugbau, bei dem Hunderte kleinerer Teile montiert werden, wurden Flügel, Rumpf und Kontrollflächen von Venom als monolithische Strukturen gefertigt (Quelle S5). Dieser Ansatz reduziert nicht nur Montagezeit, sondern auch Gewicht, Fehlerstellen und Wartungsaufwand. Wie Lukas Czinger, Mitbegründer und CEO von Divergent, betonte:
„Going from inception to flight in 71 days is a clear demonstration of what’s possible when DAPSTM is utilized from day one. This is what production at the speed of relevance looks like.“
Die Kombination aus digitalem Design, sofortiger Fertigung und modularer Architektur stellt einen integrierten End-to-End-Workflow dar, der über das reine Additive Manufacturing hinausgeht.
Skalierungsziele und Produktionskapazität – von Prototyp zu Tausenden Airframes
Nach Angaben von CEO Lukas Czinger soll das DAPST-System jährlich Tausende Airframes produzieren können, sofern die Nachfrage besteht (Quelle S3). Diese Zielaussage ist Teil des Geschäftsmodells von Divergent und betont, dass die eigentliche strategische Bedeutung des Projekts in der potenziellen Massenproduktion liegt. Die Historie der Zusammenarbeit zeigt bereits Wiederholbarkeit: In einem Zeitraum von 18 Monaten entwickelten Divergent und Mach Industries vier Flugzeugprototypen von der Idee bis zum Flug (Quelle S5). Dennoch bleibt die Skalierbarkeit ein offenes Thema, da die Produktion von Tausenden von Flugzeugen pro Jahr bislang nicht praktisch erprobt wurde.
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Strategischer Kontext: Venom als Proof-of-Concept, nicht als Einsatzsystem
Ein hochrangiger Beamter des US-Verteidigungsministeriums, Alex Lovett, Principal Deputy Assistant Secretary of War for Mission Capabilities im Office of the Under Secretary of War for Research and Engineering (OUSW(R&E)), bestätigte die Bedeutung des Projekts:
„Venom demonstriert eine pivotale Kapazität für die Nation, um schnelle Reaktionsfähigkeit in modernen Verteidigungsmissionen zu ermöglichen. Es ist kein Hinweis auf unmittelbar bevorstehende operative Einsätze.“
Diese offizielle Stellungnahme unterstreicht, dass Venom ein Demonstrator für neue Beschaffungsprozesse ist und nicht als sofort einsatzfähiges Kampfflugzeug betrachtet werden sollte. Die Unterscheidung zwischen Konzept-Demonstrator und Feldtauglichkeit ist wichtig, um unrealistische Erwartungen zu vermeiden.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Wie war eine so schnelle Entwicklung möglich?
Durch drei Schlüsselfaktoren: (1) Wiederverwendung bewährter Avionik und Simulationswerkzeuge, (2) parallele Hardware- und Softwareentwicklung statt sequenzieller Phasen und (3) digitale Fertigung mit monolithischen 3D-Drucken.
Wird Venom bald in Kampfeinsätze gehen?
Nein. Laut Alex Lovett ist Venom ein Demonstrator für neue Beschaffungsmodelle, nicht ein operatives Kampfsystem.
Kann Divergent wirklich Tausende Flugzeuge pro Jahr produzieren?
CEO Lukas Czinger gibt dieses Ziel an, jedoch ist die Massenproduktion bislang nicht nachgewiesen.
Ist 3D-Druck im Flugzeugbau neu?
Additive Fertigung existiert bereits, doch Venom kombiniert digitale Konstruktion, Simulation und monolithische 3D-Drucke von Anfang an – ein innovativer integrierter Ansatz.
Warum ist das strategisch wichtig?
Schnelle Iteration und Skalierbarkeit könnten den US-Streitkräften eine höhere Anpassungsfähigkeit in schnelllebigen Einsatzszenarien bieten, insbesondere angesichts geopolitischer Rivalitäten.
Fazit
Venom verdeutlicht, dass die Beschleunigung von Rüstungsprogrammen weniger durch neue Komponenten als durch neue Prozesse erreicht werden kann. Durch die Kombination einer modularen offenen Systemarchitektur, paralleler Entwicklung und monolithischer 3D-Drucke gelang es Divergent Technologies und Mach Industries, innerhalb von 71 Tagen einen flugbereiten Prototypen zu präsentieren. Während die Zahlen beeindruckend sind, bleibt die eigentliche Herausforderung die Skalierbarkeit des Modells von einzelnen Demonstratoren zu Tausenden von Airframes jährlich. Der strategische Kontext, den Alex Lovett liefert, bestätigt, dass das Projekt als Proof-of-Concept für schnellere Beschaffungszyklen gedacht ist und nicht sofortige operative Einsatzfähigkeit verspricht. Sollte das DAPST-System tatsächlich die angekündigte Produktionskapazität erreichen, könnte dies einen tiefgreifenden Wandel in der Verteidigungsbeschaffung einleiten – ein Schritt hin zu „hardware development at software speed“.
