Saab testet KI-Centaur im Gripen E – autonome BVR-Manöver
Im Rahmen des schwedischen Innovationsprogramms Project Beyond hat Saab gemeinsam mit dem KI-Startup Helsing den KI-Agenten Centaur in einer Gripen E erprobt. Die Tests, die zwischen dem 28. Mai und dem 3. Juni 2025 über der Ostsee stattfanden, markieren den Übergang von rein virtuellen Simulationen zu autonomen Flug- und Gefechtsmanövern in einem Serienkampfflugzeug. Dabei demonstrierten die Tests nicht nur die Leistungsfähigkeit von Reinforcement-Learning-Algorithmen, sondern auch die Fähigkeit der Gripen E, durch ihre modulare, software-definierte Architektur schnell neue KI-Funktionen zu integrieren, ohne die Zertifizierung der Flugsteuerung zu gefährden.
Project Beyond: Auftraggeber, Finanzierung und strategischer Rahmen
Das Vorhaben wurde von der schwedischen Rüstungsbeschaffungsbehörde FMV (Försvarets materielverk) kofinanziert. Ziel ist es, die Gripen E als Technologiedemonstrator für künftige Future Fighter Systems zu nutzen und damit Europas Bestreben nach software-definierter Luftüberlegenheit zu stärken. Laut dem offiziellen Pressebericht von Helsing ist die Entwicklungs- und Integrationsdauer von der Konzeptphase bis zum ersten Flugtest unter sechs Monaten (2025).
Testkampagne über der Ostsee: Ablauf und Ergebnisse
Die Testserie umfasste insgesamt drei Flüge:
- 28. Mai 2025 – erste Flugprüfung, autonome BVR-Manöver in reinen Simulationsszenarien.
- 30. Mai 2025 – erweiterte Sensorfusion und Zielerfassung.
- 3. Juni 2025 – entscheidender Demonstrationsflug gegen eine bemannte Gripen D als Aggressor.
Im dritten Flug variierte Centaur die Anflugwinkel und Geschwindigkeiten, simulierte Raketenfehlschläge und gab dem Piloten Firing Cues – also Ziel- und Feuerempfehlungen – während der menschliche Pilot stets die finale Waffenfreigabe behielt. Der Testpilot fungierte als Human-in-the-Loop -Sicherheitsinstanz und konnte die KI-Steuerung jederzeit per Knopfdruck übersteuern.
Dritter Flug: KI gegen bemannte Gripen D
„Die KI-gesteuerte Gripen E zeigte bemerkenswerte Anpassungsfähigkeit bei variierenden Annäherungswinkeln und konnte taktische Vorteile erzielen, ohne die menschliche Entscheidungsgewalt zu untergraben“, so ein Vertreter von Saab Press Office (Peter Nilsson). Dieser Flug bestätigte, dass autonome BVR-Manöver nicht nur theoretisch, sondern praktisch in einem realen Luftraum umgesetzt werden können.
Modulare Softwarearchitektur der Gripen E
Ein zentrales Merkmal der Gripen E ist die strikte Trennung von zertifizierungsrelevanten Flugsteuerungssystemen und der taktischen Missions- bzw. KI-Software. Über deterministische Schnittstellen können neuronale Netze und neue Software-Releases eingespielt werden, ohne die Grundflugsicherheit neu zu zertifizieren. Seit dem Erstflug 2017 wurden bereits über 300 Software-Versionen im Realbetrieb getestet, wobei die Fehlerrate extrem gering blieb.
„Die offene Systemarchitektur erlaubt es uns, neue KI-Funktionen innerhalb weniger Wochen zu entwickeln, zu integrieren und im Flug zu erproben“, erklärte ein Sprecher von Helsing Communications. Diese Flexibilität macht die Gripen E zu einem idealen Testträger, der ohne experimentelle X-Planes auskommt.
Leistungsdaten und Trainingssimulation
- Entwicklungs- und Integrationsdauer: unter 6 Monate (2025).
- Anzahl Testflüge: 3 (28. Mai – 3. Juni 2025).
- Simulierte Trainingserfahrung: 1 000 000 Flugstunden in nur 72 Stunden Echtzeit-Training (RL-Factory, Helsing).
- Software-Releases seit 2017: > 300 Versionen im Echtbetrieb.
- Erwarteter Zeithorizont für KI-Einsatzsoftware im Luftkampf: Jahre statt Jahrzehnte, noch in den 2020er-Jahren einsatzbereit (laut Helsing).
Die Kombination aus umfangreicher Simulation und schneller Software-Integration verkürzt Entwicklungszyklen erheblich und ermöglicht es, Erfahrungswerte zu generieren, die „eine Woche Computersimulation entspricht rund 60 Jahren realer Flugerfahrung“, wie Helsing betont.
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Risiken und ethische Überlegungen
Obwohl Centaur eigenständig Flugmanöver und Zielerfassungen durchführt, bleibt die Waffenfreigabe beim Menschen, um die Konformität mit dem humanitären Völkerrecht zu gewährleisten. Dennoch gibt es kritische Punkte:
- Völkerrechtliche und ethische Vorbehalte: Die finale Entscheidung über den Waffeneinsatz liegt beim Piloten, nicht bei der KI.
- Black-Box-Verhalten: Deep-Reinforcement-Learning kann in unvorhergesehenen Extremsituationen unerwartete Manöver initiieren.
- Anfälligkeit für Electronic Warfare: Neuronale Netze müssen gegen Spoofing und Sensorstörungen gehärtet werden.
Diese Bedenken werden aktiv adressiert, indem die KI-Software strikt von den flugkritischen Steuerungssystemen getrennt und durch den Piloten jederzeit überschrieben werden kann.
Schnellüberblick:
Darf die KI im Kampfflugzeug eigenständig Waffen abfeuern?
Nein. Während der Tests führte Centaur zwar Flugmanöver und Zielerfassungen autonom durch, lieferte jedoch lediglich Schussempfehlungen („firing cues“) an den Piloten, der die finale Entscheidungsgewalt über einen Waffeneinsatz behält.
Wie wird verhindert, dass Softwarefehler der KI das Flugzeug zum Absturz bringen?
Die Avionik der Gripen E trennt flugkritische Steuerungssysteme strikt von taktischen Missions- und KI-Anwendungen. Ein an Bord anwesender Sicherheits-Testpilot kann die KI-Steuerung jederzeit per Knopfdruck übersteuern.
Was bedeutet „Beyond-Visual-Range“ (BVR) im Kontext dieses KI-Tests?
BVR beschreibt Luftkämpfe außerhalb der optischen Sichtweite (oft 30 bis über 100 km), in denen Taktik, Radardatenfusion und Raketenabschussgeometrie auf komplexen mathematischen Berechnungen basieren – ein ideales Einsatzfeld für bestärkendes Lernen.
Quellen
- https://helsing.ai/news/helsing-ai-agent-successfully-completes-saab-gripen-e-test-flight
- https://www.saab.com/newsroom/press-releases/2025/saab-achieves-ai-milestone-with-gripen-e
- https://aerospaceglobalnews.com/news/saab-gripen-ai-fighter-jet-trials/
- https://www.janes.com/defence-news/news-detail/saab-helsing-progress-project-beyond-to-equip-gripen-e-with-ai
