Ziesel-Roboter von Diehl Defence: Technische Daten, Panzerabwehr und internationale Tests
Auf der Fachmesse Enforce Tac stellte Diehl Defence den unbemannten Geländewagen Ziesel in einer neuen Panzerabwehrversion vor. Der Roboter kombiniert die kompakte Plattform von Mattro mit den israelischen Spike-Lenkflugkörpern (MELLS) von Rafael und dem eigens entwickelten Autonomie-Kit PLATON. Damit wird eine vorverlegte, sensorlose Panzerabwehr ermöglicht, die Soldatenleben schützt und gleichzeitig in GNSS-gestörten Umgebungen flexibel einsetzbar ist.
Panzerabwehrversion mit Spike-Lenkflugkörpern – Funktionsweise und Nutzen
Die Integration der Spike-Flugkörper von Rafael macht den Ziesel zu einen eigenständigen Panzerjäger. Die in der Bundeswehr als MELLS (Mehrrollenfähiges Leichtes Lenkflugkörper-System) bekannten Spike-Lenkflugkörper werden auf einem 2-fachen Werfer montiert; ein 4-faches System ist bereits in Planung. Durch die Kombination mit dem IRIS-T SLM-System können die Flugkörper präzise gegen gepanzerte Ziele eingesetzt werden.
„Durch die Flugkörper Spike von Rafael wird der Ziesel zur Panzerabwehr befähigt.“ – Defence Network, Dorothee Frank
Die Vorverlagerung der Wirkung reduziert das Risiko für die Infanterie, da die Treffer bereits aus sicherer Distanz erzielt werden können.
Autonomie-Kit PLATON – sensorlose Navigation ohne LiDAR und GPS
Das von Diehl Defence entwickelte Autonomie-Kit PLATON verzichtet im Folgemodus vollständig auf aktive Sensoren wie LiDAR und GPS. Diese Technologie ist besonders wertvoll in Konfliktzonen, wo Gegner GNSS-Signale stören oder elektronische Aufspürungen durchführen. PLATON ermöglicht eine „Follow-Me“-Funktion, bei der der Roboter Soldaten durch dichtes Waldgelände folgt, Hindernisse umgeht oder sogar über sie hinwegfährt.
Die Fähigkeit, verletzte Soldaten zu evakuieren, wurde bereits in den Bundeswehr-Tests am Truppenübungsplatz Lehnin demonstriert.
Technische Spezifikationen – Varianten und Quellenvergleich
Die veröffentlichten Daten variieren leicht, was auf unterschiedliche Prototypen-Varianten hinweist. Die wichtigsten Kennzahlen sind:
- Maße (Länge × Breite): 1,48 m × 1,23 m (ESUT-Bericht 2024) bis 1,6 m × 1,3 m (Diehl Defence 2026)
- Eigengewicht: 350 kg (Mattro-Plattform-Basis, 2024) bis 380 kg (Diehl Defence 2026)
- Zuladung: > 500 kg (Infanterie-Transport)
- Maximale Geschwindigkeit: 20 km/h
- Akkukapazität: 10 kWh bis 11 kWh (Diehl Defence 2026)
- Antrieb: vollelektrisch, leise
Die austauschbaren Lithium-Ionen-Akkus ermöglichen eine Betriebsdauer, die je nach Einsatzprofil zwischen 10 kWh und 11 kWh liegt. Das geringe Eigengewicht und die hohe Zuladung machen den Ziesel zu einer flexiblen Unterstützung für die Infanterie beim Transport schwerer Ausrüstung.
Internationale Test- und Erprobungsprogramme
Der Ziesel befindet sich seit 2020 in einer Reihe von Testreihen, die seine Einsatzreife belegen:
- Bundeswehr-Tests (2020-2024): Zwei Exemplare seit 2020 am Truppenübungsplatz Lehnin, durchgeführt vom Fraunhofer-Institut FKIE.
- Österreichischer Feldtest (2024): Erfolgreiche Erprobung im Rahmen von Militär Aktuell.
- Ukraine – Brave1-Erprobung (2024): Einsatz unter Kampfbedingungen, Fokus auf Gefechtsfeldanpassung.
- ELROB 2024 (Trier): 1. Platz im „Mule“-Szenario trotz GNSS-Denial und hoher Vegetation. PLATON bewährte hier die sensorlose Navigation.
Die Kombination aus erfolgreicher nationaler Testphase und internationalen Feldversuchen unterstreicht die Robustheit und Anpassungsfähigkeit des Systems.
Anzeige*
Vorteile für die Infanterie und Einsatzszenarien
Der Ziesel bietet mehrere operative Vorteile:
- Vorverlegte Panzerabwehr reduziert das Risiko für Fußsoldaten.
- Leiser Elektroantrieb verhindert akustische Aufdeckung.
- Hohe Wendigkeit ermöglicht das Folgen von Truppen durch dichtes Waldgelände.
- Sensorlose Navigation minimiert Anfälligkeit gegenüber elektronischer Gegenmaßnahmen.
- Tragfähigkeit von über 500 kg unterstützt den Transport von Munition, Ausrüstung oder medizinischer Versorgung.
Risiken, Gegenmaßnahmen und offene Fragen
Obwohl die bisherigen Tests vielversprechend sind, zeigen die Daten auch potenzielle Risiken:
- Varianten in den technischen Daten (Gewicht 350-380 kg, Akku 10-11 kWh) deuten auf einen noch nicht finalisierten Prototypen-Status hin.
- Abhängigkeit von Partnern – die Mattro-Plattform und die Rafael-Spike-Integration – kann Logistik- und Beschaffungsrisiken in Konfliktzonen mit sich bringen.
- Der aktuelle Einsatz beschränkt sich auf Test- und Demonstrationsphasen; eine flächendeckende Truppenintegration steht noch aus.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Was ist das Autonomie-Kit PLATON?
PLATON ermöglicht eine sensorlose „Follow-Me“-Funktion ohne LiDAR und GPS. Das System hat sich beim ELROB 2024 im Mule-Szenario bewährt und navigiert autonom in Waldgelände, evakuiert verletzte Soldaten und umgeht Hindernisse.
In welchen Ländern wird Ziesel getestet?
Deutschland (Bundeswehr seit 2020), Ukraine (Brave1 2024) und Österreich (Feldtest). Eine Integration in reguläre Truppen ist bislang nicht erfolgt.
Welche Spike-Varianten sind integriert?
Derzeit ist ein 2-facher Werfer mit Spike (MELLS) im Einsatz; ein 4-facher Werfer ist in Planung und wird gemeinsam mit Rafael weiterentwickelt.
Fazit
Der Ziesel-Roboter von Diehl Defence stellt einen bedeutenden Schritt in Richtung roboterbasierter Panzerabwehr dar. Durch die Kombination aus Spike-Lenkflugkörpern, einer sensorlosen Autonomie-Lösung und einer kompakten, leichten Plattform bietet das System eine flexible Unterstützung für moderne Infanterieeinheiten, insbesondere in GNSS-gestörten Einsatzgebieten. Die bisherige Testhistorie – von der Bundeswehr über Österreich bis hin zur Ukraine – belegt die Einsatzreife, während die noch vorhandenen Varianten in Gewicht und Akkukapazität auf einen fortlaufenden Entwicklungsprozess hinweisen. Entscheidend wird künftig sein, wie schnell die Prototypen in die reguläre Truppenstruktur überführt und welche logistischen Lösungen für die Partnerabhängigkeiten gefunden werden.
