Hypersonica erzielt ersten europäischen Hyperschall-Test – Meilenstein für Rüstungsautonomie
Das deutsch-britische Startup Hypersonica hat mit dem erfolgreichen Testflug seiner Hyperschallrakete HS1 einen strategischen Wendepunkt für die europäische Rüstungs- und Verteidigungstechnologie gesetzt. Auf dem norwegischen Weltraumbahnhof Andøya Space erreichte die Rakete mehr als Mach 6 (über 7.400 km/h) und legte dabei eine Distanz von 300 km zurück. Der Test markiert den ersten privat finanzierten europäischen Hyperschall-Test und könnte die Geschwindigkeit, Kostenstruktur und Entwicklungszeit von Rüstungssystemen grundlegend verändern.
Erster europäischer Hyperschalltest – Fakten im Überblick
- Geschwindigkeit: Mach 6 (ca. 7.400 km/h)
- Flugdistanz: 300 km
- Entwicklungszeit: 9 Monate vom Entwurf bis zum Testflug
- Gewicht des Prototyps: über 1 Tonne
- Länge: mehrere Meter (genaue Angabe nicht veröffentlicht)
- Ziel für Serienreife: 2029
„Unser Testflug lieferte wertvolle Datensätze, die in die Konstruktion und Entwicklung zukünftiger Hochgeschwindigkeits-Angriffssysteme einfließen und unsere Fähigkeit zur Analyse gegnerischer Waffenprofile verbessern werden“, erklärten die Gründer Dr. Philipp Kerth (CEO) und Dr. Marc Ewenz (CTO).
Globale Hyperschall-Fähigkeiten: Wer verfügt bereits über operative Systeme?
Bis 2026 gibt es weltweit nur wenige Staaten mit operativen oder fortgeschrittenen Hyperschallsystemen:
- Russland – Kh-47M2 Kinzhal (operativ seit 2019)
- China – DF-ZF (teilweise operativ)
- USA – AGM-183 ARRW (in Entwicklung)
- Türkei – Tayfun (neu getestet)
Mit der HS1 tritt Europa erstmals in diese exklusive Gruppe ein und stärkt damit seine strategische Unabhängigkeit.
Modulares Design und agile Entwicklung – ein Branchenvorbild
Hypersonica setzt auf agile Fertigungsprinzipien, die laut Unternehmensangaben die Entwicklungs- und Produktionszeiten um 80 % bis 90 % reduzieren. Diese Methoden, inspiriert von Aerospace-Startups wie Relativity Space, ermöglichen einen modularen Aufbau der Rakete, der schnelle Upgrades und kosteneffiziente Entwicklungszyklen erlaubt. Im Vergleich zu traditionellen Rüstungsprojekten, die typischerweise 5-10 Jahre benötigen, wurde die HS1 in nur neun Monaten vom ersten Entwurf bis zum Testflug realisiert.
„Durch den modularen Aufbau können wir innerhalb kürzester Zeit neue Technologien integrieren und gleichzeitig die Kosten deutlich senken“, betont CEO Philipp Kerth.
Geopolitischer Hintergrund: Trump-Administration und europäische Rüstungsunabhängigkeit
Die Gründer verweisen explizit auf Zweifel an der Verlässlichkeit der USA unter der Trump-Administration als treibende Kraft für ein eigenständiges europäisches Rüstungsprogramm. Dieser Impuls spiegelt sich in steigenden EU-Rüstungsausgaben von rund 65 Mrd. EUR im Jahr 2025 wider. Gleichzeitig erhöhen Initiativen wie AUKUS und EU-Rüstungsprojekte das Interesse an souveränen Technologien, wodurch Hypersonicas Geschäftsmodell sowohl technologisch als auch geopolitisch attraktiv wird.
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Gründer- und akademischer Hintergrund
Die beiden Gründer, Dr. Philipp Kerth (CEO) und Dr. Marc Ewenz (CTO), promovierten an der University of Oxford – einem weltweit führenden Zentrum für Hyperschallforschung. Das deutsch-britische Konsortium, gegründet 2023 mit Hauptsitz in München und einer Tochter in London, nutzt die enge Verzahnung von EU- und UK-Forschungskapazitäten, um die technologische Basis schnell aufzubauen.
Technische Spezifikation der HS1
- Länge: mehrere Meter (exakte Angabe nicht veröffentlicht)
- Gewicht: > 1 Tonne (ohne Sprengkopf)
- Geschwindigkeit: Mach 6 (≈ 7.400 km/h)
- Flugdistanz im Test: 300 km
- Startort: Andøya Space, Norwegen
Der Test erfolgte mit einer unbewaffneten Variante; operative Versionen mit Gefechtskopf, Navigation und Zielsteuerung werden noch entwickelt.
Finanzierungsmodell und Investorenlandschaft
Hypersonica ist vollständig privat finanziert. Konkrete Investoren werden nicht genannt, was bei jungen Rüstungs-Startups üblich ist. Es wird vermutet, dass europäische Rüstungs-Venture-Fonds und möglicherweise Industriepartner wie Airbus oder Rheinmetall beteiligt sind. Die Geheimhaltung unterstreicht die sicherheitsrelevante Natur des Projekts.
Risiken und Gegenargumente
Test ohne Sprengkopf
Der aktuelle Flug demonstrierte Stabilität und Geschwindigkeit, jedoch bleibt die Integration eines Gefechtskopfes eine technische Herausforderung, die das 9-Monats-Tempo möglicherweise nicht repliziert.
Kosteneinsparungen – vage Angaben
Hypersonica spricht von „hohen zweistelligen Prozentzahlen“ bei den Kosteneinsparungen, liefert jedoch keinen Vergleichsmaßstab zu bestehenden Systemen, sodass die konkrete Wirtschaftlichkeit schwer zu bewerten ist.
Akzeptanz seitens europäischer Staaten
Obwohl das Unternehmen europäische Staaten als Zielmarkt definiert, fehlen klare Aussagen zu konkreten Interessenten oder Beschaffungsprozessen, was regulatorische und politische Hürden offen lässt.
Abhängigkeit von norwegischer Testinfrastruktur
Der Test wurde auf Andøya Space durchgeführt – dem einzigen europäischen Weltraumbahnhof für Hochgeschwindigkeits-Raketentests. Langfristig könnte die Verfügbarkeit geeigneter Testplätze zu einem Engpass werden.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Wann kann Europa Hyperschallraketen wirklich einsetzen?
Hypersonica plant Serienreife bis 2029. Realistische Einsatzreife, inklusive Integration in bestehende Rüstungssysteme, dürfte jedoch erst 2032-2035 erreicht werden.
Wie vergleicht sich die HS1 mit der russischen Kinzhal?
HS1: Mach 6, 300 km Reichweite (Test). Kinzhal: Mach 10-12, über 2.000 km operative Reichweite. HS1 punktet mit schnellerer Entwicklung und europäischen Souveränität, nicht jedoch mit höherer Reichweite.
Kostet das System wirklich 20-90 % weniger?
Das Versprechen bleibt vage. Traditionelle europäische Programme (z. B. FCAS) kosten ein Vielfaches, doch ein direkter Kostenvergleich fehlt.
Warum wurde ein norwegischer Testplatz gewählt?
Andøya Space ist derzeit der einzige zugelassene europäische Weltraumbahnhof für solche Tests. Andere EU- oder UK-Standorte bieten derzeit nicht die nötige Infrastruktur.
Wird Hypersonica von der EU oder einzelnen Staaten finanziert?
Der Artikel nennt ausschließlich private Finanzierung. Es wird vermutet, dass Venture-Capital-Fonds, Rüstungsindustrie-Partner und eventuell stille staatliche Mittel beteiligt sind.
Fazit
Der erfolgreiche Test der HS1 markiert den Durchbruch einer europäischen, privat finanzierten Hyperschalltechnologie. Mit einer Entwicklungszeit von nur neun Monaten, modularer Bauweise und agilen Fertigungsmethoden stellt Hypersonica ein potenzielles Vorbild für künftige Rüstungsinnovationen dar. Gleichzeitig bleiben offene Fragen zu operativer Bewaffnung, genauen Kosteneinsparungen und langfristiger Akzeptanz bei europäischen Streitkräften. Sollte das Unternehmen seine Ziele bis 2029 erreichen, könnte Europa damit eine bislang von Supermächten dominierte Technologie eigenständig besitzen – ein entscheidender Schritt in Richtung strategischer Unabhängigkeit.
Quellen
- FOCUS online: Erste europäische Hyperschallrakete getestet
- Defence-Network: Hypersonica – Hyperschallrakete kommt auf über 7.400 km/h
