ALBVVG legt Bevorratungspflichten und Rollenverteilung fest
Im Rahmen des Operationsplans Deutschland (OPLAN DEU) wird zunehmend deutlich, dass eine funktionierende Arzneimittel- und Medizinprodukteversorgung in hybriden Bedrohungslagen oder im Verteidigungsfall die Resilienz des Gesundheitssystems und die Handlungsfähigkeit des Staates entscheidet. Armin Hoffmann, Präsident der Bundesapothekerkammer, fordert ein stärkeres Zusammenwirken ziviler und militärischer Akteure, um Engpässe zu vermeiden und die Versorgung in Krisen sicherzustellen.
Rechtliche Grundlagen der Bevorratung in Deutschland
Das Arzneimittel-Lieferengpass-Bekämpfungs- und Versorgungsverbesserungsgesetz (ALBVVG) von 2023 hat erstmals verbindliche Bevorratungspflichten verankert:
- Hersteller rabattierter Vertragsarzneimittel müssen einen Vorrat von sechs Monaten anlegen (2023, § 130a SGB V).
- Krankenhausapotheken sind verpflichtet, kritische Intensivmedikamente und Antibiotika für mindestens sechs Wochen vorzuhalten (2023, § 30 ApBetrO).
„Die Politik ist gefordert, der Bevölkerung ehrlich zu erklären, worum es geht“, betont Hoffmann. Diese gesetzlichen Vorgaben bilden den Ausgangspunkt für weiterführende, dynamische Lagermodelle.
Dezentrales Apothekennetz – Stärken und Schwächen
Das Netz aus öffentlichen Vor-Ort-Apotheken ist ein unverzichtbarer Baustein der Krisenversorgung. Laut ABDA-Statistik gab es Ende 2024 noch 17.041 Apotheken – der niedrigste Stand seit 1978 – und die Dichte liegt mit 20 Apotheken pro 100.000 Einwohner deutlich unter dem EU-Durchschnitt von 32.
- Anzahl Apotheken (2024): 17.041 Betriebe.
- Apothekendichte Deutschland vs. EU: 20 : 32 pro 100.000 Einwohner (2024).
Hoffmann warnt: „Das dezentrale Versorgungsnetz steht unter personellem und strukturellem Druck. Wenn 30 % des Personals im Krisenfall ausfällt, gefährdet das die gesamte Lieferkette.“
Bundesweite Sanitätsmaterial-Pakete des BBK
Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) stellt ergänzendes Sanitätsmaterial für den Zivilschutz bereit. Ein standardisiertes SanMat-Paket kann 250 Patienten über drei Tage versorgen (geplant für 2026).
- Versorgungskapazität: 250 Patienten, 72 Stunden (SanMat-Paket, 2026).
Diese Pakete ergänzen die zivilen Strukturen und zeigen, wie militärische Ressourcen in die Gesundheitsversorgung integriert werden können.
EU-Weite Initiative: Critical Medicines Act
Auf EU-Ebene wurde im Dezember 2023 eine Unionsliste mit über 200 kritischen Wirkstoffen veröffentlicht. Der daraus resultierende Entwurf des Critical Medicines Act (CMA) soll strategische Produktionsprojekte fördern und gemeinsame Beschaffungsmechanismen institutionalisieren.
- Anzahl Wirkstoffe auf EU-Kritikalitätsliste: > 200 (2023).
Damit wird die bislang fehlende verbindliche Finanzierung auf europäischer Ebene adressiert.
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Herausforderungen und Gegenmaßnahmen
Mehrere Risiken erschweren die Umsetzung einer flächendeckenden Krisenvorsorge:
- Liquiditätsbelastung: Erweiterte Lagerpflichten binden erhebliche Liquidität bei Herstellern, Großhändlern und Apotheken.
- Verfallsrisiken: Statische Lagerungen führen zu Verfallskosten; dynamische Modelle erfordern komplexe logistische Schnittstellen und klare Haftungsregelungen.
Hoffmann fasst zusammen: „Strategie, Bedarfsermittlung und Vorbereitung sind wichtig – aber irgendwann muss entschieden werden: ‚Go oder No-Go‘.“ Ohne staatliche Refinanzierung drohen Rückzüge aus margenschwachen Generika-Märkten.
Schnellüberblick:
Welche gesetzlichen Vorratsvorgaben existieren in Deutschland bereits?
ALBVVG (2023) verpflichtet Hersteller rabattierter Arzneimittel zu einer sechs-monatigen Vorratshaltung; Krankenhausapotheken müssen Intensivmedikamente und Antibiotika für mindestens sechs Wochen bereithalten.
Was regelt der Operationsplan Deutschland (OPLAN DEU) im Gesundheitssektor?
Der OPLAN DEU definiert, wie zivile Infrastrukturen – Kliniken, Großhandel, Apotheken – die sanitätsdienstliche Versorgung der Bundeswehr und NATO-Truppen unterstützen und gleichzeitig die Versorgung der Zivilbevölkerung sicherstellen.
Warum stoßen klassische staatliche Arzneimittellager an Grenzen?
Statische Lagerungen unterliegen strengen Verfallsdaten, wodurch Bestände nach kurzer Zeit unbrauchbar werden und Millionen-Kosten für Entsorgung entstehen. Rollierende Reserven, die in den regulären Markt zurückfließen, gelten als nachhaltigere Alternative.
Wie stark ist das dezentrale Apothekennetz in Deutschland im europäischen Vergleich?
Mit 20 Apotheken pro 100.000 Einwohner liegt Deutschland deutlich unter dem EU-Durchschnitt von 32, was die Krisenfestigkeit des Netzes reduziert.
Welche Rolle spielt das EU-Critical Medicines Act?
Der Act schafft eine Unionsliste kritischer Wirkstoffe, fördert strategische Produktionsprojekte und soll gemeinsame Beschaffungsmechanismen etablieren, um Engpässe künftig zu vermeiden.
Quellen
- https://www.bundesgesundheitsministerium.de/themen/gesundheitswesen/arzneimittelversorgung/arzneimittel-lieferengpassbekaempfungs-und-versorgungsverbesserungsgesetz-albvvg
- https://www.gesetze-im-internet.de/apobetro1987/30.html
- https://www.abda.de/aktuelles-und-presse/pressemitteilungen/detail/nur-noch-17041-immer-mehr-apotheken-schliessen-immer-weniger-werden-neu-eroeffnet/
- https://www.bbk.bund.de/DE/Themen/Gesundheitlicher-Bevoelkerungsschutz/Sanitaetsmaterial/sanitaetsmaterialnode.html
- https://health.ec.europa.eu/medicinal-products/critical-medicines-acten
