Europäische Entwicklungen im Bereich konventioneller Langstreckenwaffen – Chancen, Defizite und Handlungsbedarf
Der Mangel an konventionellen Langstreckenwaffen in Europa könnte die militärische Handlungsfähigkeit der europäischen Staaten in zukünftigen Konflikten erheblich einschränken. Während andere Großmächte ihre Flugkörperarsenale massiv ausbauen, zeigen aktuelle Analysen, dass europäische Arsenale nach wie vor erschöpft sind und Beschaffungsprojekte häufig in der Konzept- und Entwicklungsphase stecken. Dieser Beitrag fasst die wichtigsten Fakten zu Budgets, Importen, Beschaffungsstandorten und industriellen Hürden zusammen und gibt einen Überblick, warum eine strategische Neuausrichtung dringend nötig ist.
Aktuelle Rüstungsbudgets europäischer Staaten
Im Jahr 2026 wird das Rüstungsbudget der NATO-Staaten in Europa auf insgesamt 400 Milliarden Euro geschätzt. Dieses Volumen stellt eine potenzielle Grundlage für den Ausbau von konventionellen Langstreckenwaffen dar.
- Gesamtes Budget: 400 Mrd. € (2026)
- Verfügbares Kapital kann gezielt für Forschung, Entwicklung und Serienproduktion eingesetzt werden.
Die Verfügbarkeit solcher Mittel stärkt das Argument, dass Europa die finanziellen Ressourcen besitzt, um die vorhandenen Defizite im Bereich Langstreckenwaffen zu schließen.
Importentwicklung konventioneller Langstreckenwaffen
Laut dem Stockholmer International Peace Research Institute (SIPRI) stiegen die europäischen Militärimporte, insbesondere von Langstreckenwaffen, in den letzten fünf Jahren um 30 % gegenüber dem Stand von 2020. Dieser Anstieg verdeutlicht den wachsenden Druck auf europäische Staaten, ihre eigenen Fähigkeiten zu erweitern.
- Importsteigerung: +30 % (2020-2025)
- Hauptsächlich Beschaffung aus den USA und Südkorea.
Der Trend zeigt, dass Importlösungen zwar kurzfristig Lücken schließen, jedoch langfristig die Abhängigkeit von externen Lieferanten erhöhen.
Status der Beschaffung in den Hauptkategorien
Europäische Bemühungen lassen sich in drei zentrale Waffensysteme gliedern: Langstreckenangriffsdrohnen, Landangriffs-Marschflugkörper und ballistische Raketen.
Langstreckenangriffsdrohnen
- Frankreich: One-Way-Effector (500 km Reichweite) – Entwicklungs- und Produktionsvertrag im Januar 2026, erste Lieferungen 2027.
- Renault: Entwicklung der „Chorus“ – potenzieller Zehnjahresvertrag im Wert von 1 Mrd. €.
- ELSA-Absichtserklärung (Februar 2026): Gemeinsame Entwicklung von OWE 500 Plus, noch in Konzept- und Machbarkeitsphase.
Landangriffs-Marschflugkörper
- USA-Systeme: JASSM-ER-Bestellungen von Polen, Finnland, Niederlande (Lieferungen bis Juli 2032).
- Deutschland: Prüfung von bis zu 400 Tomahawk-Block-Vb und mögliche Bestellung von 75 JASSM-ER sowie 185-260 Joint Strike Missiles für F-35A.
- Frankreich: Wiederaufnahme der SCALP-EG-Produktion (50-100 Stück/Jahr).
- Deutschland: Vertrag (Dezember 2025) für Serienproduktion des Taurus Neo (ca. 600 Flugkörper, Indienststellung 2030-.
- Norwegen/Deutschland: 3SM Tyrfing-Projekt, erste Phase 2024, Indienststellung 2035.
- MBDA/ELSA: Entwicklung eines bodengestützten Landangriffs-Marschflugkörpers mit >1 000 km Reichweite, Testschuss 2027-2028.
Ballistische Raketen
- Importe: ATACMS-Pods für Lettland (10), Litauen (18), Estland (200) und Polen (45).
- Interesse an Precision Strike Missile (PrSM) – Antrag Norwegens 2024 abgelehnt.
- UK: Projekt Nightfall (Dezember 2025) – bodengestützte ballistische Rakete, >500 km Reichweite, Lieferung ab Ende 2027.
- Trinity-House-Abkommen (Mai 2025): Gemeinsame Entwicklung einer Deep-Strike-Waffe mit 2 000 km Reichweite (konzeptuell).
Herausforderungen und industrielle Schwächen
Ein zentrales Problem bleibt die mangelnde industrielle Basis für die Produktion neuer Waffensysteme. Ohne skalierbare Produktionslinien können selbst bestellte Systeme nur in geringen Stückzahlen gefertigt werden, während ein tatsächlicher Konflikt Tausende von Flugkörpern erfordern würde.
„Während die Vereinigten Staaten in Rekordtempo Flugkörperangriffe gegen den Iran fliegen und gleichzeitig in beispiellosem Ausmaß neue Flugkörpersysteme nachbeschaffen, sind die europäischen Arsenale an konventionellen weitreichenden Waffen nach wie vor erschöpft, und die Bemühungen, diese wieder aufzufüllen, wirken planlos und unzureichend.“ – Fabian Hoffmann, Senior Research Fellow, Norwegian Defence University College
Die Diskrepanz zwischen Beschaffungsplänen und industrieller Realisierbarkeit führt dazu, dass viele Projekte in der Konzept- oder Entwicklungsphase verharren. Der „Europäische Sonderweg“ zeigt, dass europäische Staaten im Vergleich zu China, den USA oder Russland deutlich zurückbleiben, obwohl das verfügbare Budget ausreichend wäre.
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FAQ – häufige Fragen
Wie investiert Europa in Langstreckenwaffen?Europäische Staaten investieren zunehmend in Importbeschaffungen, während eigene Entwicklungsprojekte oft hinter dem Zeitplan liegen.
Fazit
Die Kombination aus einem hohen Verteidigungsbudget von 400 Mrd. € (2026), einem signifikanten Importwachstum von 30 % und den anhaltenden Beschaffungsdefiziten macht deutlich, dass Europa vor einer strategischen Entscheidung steht. Ohne den Aufbau einer robusten industriellen Basis und die konsequente Umsetzung von Entwicklungsprogrammen riskieren europäische Staaten, im Falle eines hochintensiven Konflikts nicht mehr als Übergangslösungen aus den USA oder Südkorea zu besitzen. Ein gezielter Einsatz der verfügbaren Mittel, gekoppelt mit multilateralen Entwicklungsinitiativen, könnte die Lücke schließen und die militärische Handlungsfähigkeit Europas langfristig sichern.
